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«Das Know-how zur Stärkung der digitalen Souveränität existiert – jetzt braucht es Mut zur Umsetzung.»

Digitale Unabhängigkeit ist längst kein Nischenthema mehr. Mit seinem Engagement als Leiter des Instituts Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule und als Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit ist Professor Dr. Matthias Stürmer mitverantwortlich dafür, dass das Bewusstsein für die Bedeutung digitaler Souveränität in der Schweiz in den letzten Jahren geschärft wurde. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Abhängigkeit und Souveränität, missverstandene Erwartungshaltungen und über die Stärken der Schweiz im Bereich Open Source.

Benjamin Gahlinger10. April 2026

Interview mit Prof. Dr. Matthias Stürmer zur digitalen Souveränität

Herr Stürmer, Sie gelten als einer der wichtigen Open-Source-Experten der Schweiz und befinden sich laut eigenen Aussagen dennoch zu hundert Prozent im Lock-in von Microsoft. Beschreibt der Spagat zwischen Abhängigkeit und digitaler Souveränität die heutige Realität?

Matthias Stürmer: Wer Dienste wie Microsoft Teams, Outlook oder Office-Programme nutzt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Wenn die IT im Unternehmen oder in der Verwaltung, in welcher man tätig ist, nur dieses oder jenes Programm unterstützt, handelt es sich um strukturelle Abhängigkeit. Auch an der Berner Fachhochschule müssen alle mit Microsoft-Diensten wie Teams oder Outlook arbeiten. Die Strukturen in Unternehmen und Verwaltungen geben vor, wie sich die Mitarbeitenden zu verhalten haben. Der Open-Source-Gedanke kann dennoch vorangetrieben werden. Als Institutsleiter an der Berner Fachhochschule ermuntere ich deshalb Behörden, sich mit Open Source auseinanderzusetzen, Know-how zu koordinieren und finanzielle sowie organisatorische Fragestellungen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, zu klären.

Sie haben Ihre Rolle als Leiter des Instituts Public Sector Transformation bereits angesprochen. Welchen Missverständnissen rund um digitale Souveränität begegnen Sie im Alltag regelmässig?

Digitale Souveränität bedeutet per Definition, die vollständige Kontrolle über die eigenen Daten zu haben. Es gibt nun immer wieder Exponenten aus Wirtschaft und Verwaltung, welche davon gewissermassen überwältigt sind und denken, das Ziel müsse kurzfristig erreicht werden. Dabei handelt es sich jedoch um eine langfristige Aufgabe, bei welcher wir uns nicht an den heutigen Abhängigkeiten orientieren sollten. Vielmehr sollten wir uns immer dann, wenn Entscheide möglich sind, in Richtung digitale Souveränität bewegen. Ich ziehe hier gerne den Vergleich mit dem Netto-Null-Ziel der Schweiz, wonach bis 2050 CO2-Neutralität erreicht werden soll. Dieses Ziel erreichen wir nicht von heute auf morgen – aber wir müssen schon heute damit starten.

Beim Netto-Null-Ziel gibt es seit Jahren einen klaren Zeitplan, während das Thema «Digitale Souveränität» erst in der Gegenwart von einer breiten Masse als Dringlichkeit wahrgenommen wird. Weshalb genau jetzt?

Eine spannende Frage. Ich persönlich befasse mich seit bald 20 Jahren mit diesem Themenbereich. Auch in Verwaltungen ist das Thema längst angekommen. So setzt beispielsweise das Schweizerische Bundesgericht seit vielen Jahren auf LibreOffice, eine Open-Source-Alternative zu Office-Programmen. Die neue Dringlichkeit, die von vielen wahrgenommen wird, ergibt sich aus den Ereignissen der letzten Jahre: Themen wie die US-Zölle, aber auch Rüstungsgeschäfte mit den USA, haben der Politik die Abhängigkeiten der Bundesverwaltung von US-Tools vor Augen geführt. Nicht zuletzt der Cloud Act, der US-Clouddienste dazu verpflichtet, den US-Behörden Zugriff auf ihre Daten zu gewähren, macht digitale Souveränität zur hochstrategischen Frage. Dass der Wechsel auf Open Source möglich ist, bewies vor kurzem übrigens auch das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein: Das Open-Source-Programm Libreoffice ersetzt dort weitestgehend die Office-Anwendungen von Microsoft. Die Umstellung dauerte mehrere Jahre und kostete viel Geld, aber die Investitionen lohnen sich, weil nun jährlich Office-Lizenzkosten von über 15 Millionen Euro eingespart werden können.

Wann rechnen Sie in der Schweiz mit Fortschritten im Bereich der digitalen Souveränität?

In der Politik ist das Thema aus den genannten Gründen definitiv angekommen. Und auch in der Wirtschaft nehme ich einen Wandel wahr. Es gibt bereits heute viele Schweizer Unternehmen, die stark sind in der Entwicklung von Desktop- oder Cloudsystemen. Die Infrastruktur und das Know-how zur Stärkung der digitalen Souveränität existieren – jetzt braucht es noch den Willen und den Mut zur Umsetzung. Daran entscheidet sich, ob spürbare Fortschritte in zwei oder erst in 20 Jahren eintreten.

Richten wir den Blick auf Schweizer KMU: Wie realistisch sind hier grosse Schritte in Richtung digitale Souveränität?

Ehrlicherweise bieten Microsoft oder andere Anbieter von proprietären Produkten gute Lösungen für KMU. Gerade als kleines Unternehmen, das die IT-Kosten tief halten will, ist es kostenintensiv, sich von heute auf morgen aus der strukturellen Abhängigkeit von Microsoft und Co. zu lösen. Wünschenswert wäre, dass künftig Skaleneffekte genutzt werden können, die durch Entwicklungen aus dem öffentlichen Sektor oder aus grossen Unternehmen entstehen. Schlussendlich haben alle Akteure dasselbe Bedürfnis. Wenn wir eine kritische Masse erreichen, können Open-Source-Angebote gemeinsam genutzt werden, sodass die Schweiz als Ganzes digital souveräner wird.

Wie soll das funktionieren?

Entscheidend ist die Zusammenarbeit. Uns gegenüber stehen Milliardenkonzerne, die ein Mehrfaches der Schweizer Volkswirtschaft wert sind. Es ist nicht zielführend, wenn jeder Akteur sein eigenes Süppchen kocht und mit einer eigenen Open-Source-Lösung die Welt neu erfindet. Mit dem «Netzwerk SDS  – Souveräne digitale Schweiz» verbindet das Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule Schweizer Organisationen aus dem öffentlichem und privatem Sektor zu einer informellen Community. Dort haben sich seit letztem Sommer über 2000 Personen aus der ganzen Schweiz angemeldet. Wir koordinieren Projekte zwischen der Romandie und der Deutschschweiz, leisten Überzeugungsarbeit und treiben nicht zuletzt die Nutzung und Entwicklung von Open-Source-Technologien voran.

Der Gesprächspartner

Prof. Dr. Matthias Stürmer ist einer der renommiertesten Open-Source-Experten der Schweiz. Der Professor der Berner Fachhochschule ist Leiter des Instituts Public Sector Transformation sowie Dozent am Institut für Informatik der Universität Bern.

Zum Steckbrief
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Das Interview mit Prof. Dr. Matthias Stürmer zum Thema «Digitale Souveränität» ist in gekürzter Form auch in der ersten Ausgabe von NOW erschienen, unserem Print-Magazin für wirksame Kommunikation. Sie haben noch kein Exemplar? Hier können Sie es herunterladen.

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